Rohschnitt - Konzept

Das UVA-Prinzip

Jane (Frau von Tarzan), von umherschwirrenden Begrifflichkeiten (BITV, WCAG, et cetera) verwirrt

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Konzept des barrierefreien Webdesigns. Nach anfänglicher Begeisterung über die neue elegante Technik macht sich mittlerweile jedoch eine gewisse Ernüchterung breit. Weder erscheint die möglichst buchstabengetreue Umsetzung der BITV (= Barrierefreie Informations Technik Verordnung) ein Garant für die Erstellung einer für alle Nutzergruppen gelungenen Webseite zu sein, noch lassen sich allein durch Abprüfen bestimmter BITV-Kriterien relevante Aussagen über die Qualität eines Webauftritts machen.

Um Anhaltspunkte für die optimale Vorgehensweise bei der Erstellung einer Webseite zu entwickeln, erscheint es mir daher notwendig, das Konzept des barrierefreien Webdesigns mit den eng verwandten Konzepten Usability und Standardkonformität in einen sinnvollen, sich gegenseitig ergänzenden Zusammenhang zu bringen.

Damit die Notwendigkeit dieses Gesamtkonzepts deutlich wird, werde ich zuerst die Einzelbegriffe nochmal kurz vorstellen.

Um desweiteren die verwendeten Begrifflichkeiten zu vereinheitlichen und nicht zuletzt um schlußendlich bei einer so griffigen Bezeichnung wie UVA-Prinzip zu landen, nenne ich die angesprochenen Konzepte Usability, Validität (Standardkonformität) und Accessibility (Zugänglichkeit, barrierefreies Webdesign).

die 3 Säulen

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Usability, was etwa Gebrauchstauglichkeit bedeutet, beschäftigt sich mit der leichten Zugänglichkeit der Informationen von z.B. Webseiten. Eine Webseite soll übersichtlich und klar strukturiert sein, damit die Navigation, die Inhalte und andere wesentliche Bestandteile leicht zu finden und unterscheidbar sind. Auch sollte man jederzeit wissen, wo im Webauftritt man sich gerade befindet.

Dies erscheint möglicherweise auf den erste Blick leicht realisierbar, gerade bei größeren Webseiten, z.B. Portalen, kann Usability aber eine echte Herausforderung bedeuten.

In einem erweiterten Verständnis von Usability würde ich auch das technische Funktionieren des Webangebots noch unter Usability fassen wollen. Schließlich ist eine Seite, die technisch nicht oder nur eingeschränkt funktioniert auch nicht wirklich gebrauchstauglich.

Validität oder Standardkonformität meint, daß sowohl das verwendete HTML oder XHTML, als auch das zur Gestaltung verwendete CSS den aktuellen Standards des W3C entsprechen. Die Einhaltung dieser Standards soll die korrekte, plattformübergreifende und zukunftssichere Darstellung garantieren.
Da die neuen HTML- und vor allem XHTML-Standards die Gestaltung einer Webseite weitestgehend dem CSS überlassen, verbirgt sich darüberhinaus hinter dem Konzept der Standardkonformität die möglichst strikte Trennung von Inhalt und Design.
Dies bedeutet auch, daß selbst das pure HTML, ohne Gestaltung durch CSS, noch sowas wie ein sinnvolles Dokument ergeben sollte. Beispielsweise Überschriften sind dann eben Überschriften erster, zweiter, dritter usw. Ordnung, die als solche das Dokument strukturieren. Sie sind nicht einfach nur größere Schrift.

Accessibility, zu deutsch Zugänglichkeit, am bekanntesten unter dem Begriff Barrierefreiheit, meint im ursprünglichen Sinn die Teilhabe von BürgerInnen mit Handicaps am öffentlichen Leben.

Bezüglich des Internet, aber auch anderer elektronischer Medien, ergibt sich die interessante Aufgabe, das Informationsangebot für möglichst viele Benutzergruppen, also z.B. auch blinde, sehbehinderte oder motorisch eingeschränkte Menschen, zugänglich zu machen.

3 Formen der Zugänglichkeit

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Zusammenfassend könnte man Usability, Validität und Accessibility als die drei Grundformen der Zugänglichkeit beschreiben:

3 in 1

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Um ein optimales Zusammenwirken der drei vorgestellten Konzepte Usability, Validität und Accessibility beim Erstellen von Webseiten zu erreichen, erscheint es mir sinnvoll, diese in ein gemeinsames Konzept einzubinden. Dieses Konzept nenne ich das UVA-Prinzip. Es bedeutet Usability, Validität und Accessibility und zwar in genau dieser Reihenfolge.
Warum braucht man überhaupt irgendein übergeordnetes Konzept oder Prinzip und was hat dieses zu bedeuten?

Es kann vorkommen, daß eine Seite für z.B. Blinde recht gut zugänglich ist, für andere, sehende Nutzer jedoch erhebliche Mängel aufweist.
Auch nutzt es wenig, wenn eine Seite zwar anstandslos durch den Validator läuft, ansonsten aber kaum benutzbar ist. Umso ärgerlicher für den seriösen Entwickler, wenn solche Seiten auch noch mit allen möglichen Zertifikaten gespickt sind, die Barrierefreiheit u.ä. suggerieren.

Der Sinn von Accessibility kann letzlich nicht darin bestehen, Seiten zu bauen, deren Qualität sich vorrangig an der Zugänglichkeit für Randgruppen orientiert. Dies dient letztlich auch sicher nicht dem Interesse der Betroffenen.
Folglich braucht man irgendein Konzept, anhand dessen Accessibility in ein Gesamtkonzept mit Usability und Validität eingeordnet wird.
Und dieses Gesamtkonzept zur Erstellung hochwertiger Webseiten nenne ich das UVA-Prinzip.

das Wichtigste zuerst

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Als oberstes und wichtigstes Gebot steht die Usability an erster Stelle. Ohne Usability, also die Gebrauchstauglichkeit einer Seite für möglichst alle Benutzer, nutzt die Erfüllung technischer Zugänglichkeitskriterien wenig.

Interessant und für das Verständnis des UVA-Prinzips wesentlich ist in diesem Zusammenhang, daß sich die Richtlinien zur Accessibility (WCAG=Web Content Accessibility Guidelines=Vorlage für die BITV) vielfach mit den Erfordernissen der Usability überschneiden. So nutzt z.B. die Forderung nach skalierbaren Schriftgrößen und ausreichendem Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund sicher nicht nur Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen.

Besonders unangenehm sind Seiten, wo mangelhafter Kontrast mit winzigen Schriftgrößen zusammentrifft und man quasi in den Monitor hineinkriechen muß, um was zu erkennen. Auch ist zu bedenken, daß ältere Menschen generell schlechter sehen und auch bei jüngeren, je nach Uhrzeit und Tagesform, die Wahrnehmung Schwankungen unterliegt.
Vielleicht möchte man sich auch einfach mal zurücklehnen und die Schrift auch aus größerer Entfernung noch entziffern können.

Aus all diesen Gründen würde ich skalierbaren Schriftgrößen sowie ausreichenden Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund als Bestandteil der Usability definieren und nicht nur als Randgruppenproblem von Sehbehinderten. Seltsamerweise messen die WCAG der skalierbaren Schriftgröße nur untergeordnete Bedeutung (Priorität 2) zu, während z.B. die korrekte Sprachwechselauszeichnung oberste Priorität genießt.
Dabei ist doch offensichtlich, daß es viel mehr Menschen gibt, die schlecht sehen, als solche, die sich die Seite vorlesen lassen oder eine Braille-Tastatur benutzen und nur hier ist ja die korrekte Auszeichnung des Sprachwechsels eventuell von Bedeutung.

Als noch problematischer sehe ich es, wenn die Erfüllung von WCAG-Kriterien durch Zertifizierungen etc. als primäres Qualitätskriterium für eine Webseite herangezogen wird. In diesem Sinne wäre dann ja eine fehlende Sprachwechselauszeichnung ein größerer Mangel als nicht skalierbare Schrift.

Dies ist jedoch auch aus anderen als den eben erwähnten Gründen sehr zweifelhaft. Denn die fehlende Sprachwechselauszeichnung läßt sich leicht nachholen und sagt wenig über die grundsätzliche Qualität einer Seite aus.
Skalierbarkeit der Schrift muß jedoch in der Regel von Anfang an in die Konzeption und den Aufbau der Seite einbezogen werden. Hier liegt also ein viel grundlegenderes Problem vor, daß meistens nicht einfach nachträglich "geheilt" werden kann.

Da ich aber weder die teilweise befremdlichen Zertifizierungspraktiken ändern kann, noch die Accessibility-Richtlinien unterlaufen will, macht es sowohl unter praktischen Benutzergesichtspunkten als auch aus Entwicklersicht Sinn, WCAG-Kriterien wie Skalierbarkeit etc., die eindeutig nicht nur für Menschen mit Handicaps wichtig sind, als integralen Bestandteil der Usability zu betrachten und ihnen somit auch, zumindest im Rahmen des UVA-Prinzips, eine höhere Priorität einzuräumen.

auch wichtig und modern

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Die Validität ist dem UVA-Prinzip zufolge der Usability nachgeordnet, kommt also an zweiter Stelle. Der Begriff Validität wird hier in einem erweiterten Sinne, stellvertretend auch für die Trennung von Inhalt und Gestaltung, verwendet.
Formal kann ja auch eine total verschachtelte Frame- und Tabellenstruktur valide sein. Dieser rein formale Begriff von Validität ist hier jedoch nicht zielführend.

Um das Konzept hinter der Trennung von Inhalt und Gestaltung näher zu erläutern, möchte ich ein Beispiel anführen:

Nehmen wir an, um verschiedene Inhalte zu strukturieren, benutzt man einen Setzkasten.
In diesem plaziert man dann in die diversen Kästchen die Inhalte. Bei einer Webseite entspricht diese Struktur dem üblichen Tabellenaufbau. Die innere Logik und Beziehung zwischen den Elementen ist eine rein visuelle. Falls eine logische Beziehung zwischen verschiedenen Tabellenzellen, beispielsweise Überschriften und zugehörigen Spalten, hergestellt werden soll, so muß dies extra codiert werden.

Im Gegensatz hierzu beschreitet die konsequente Trennung von Inhalt und Design einen anderen Weg: Es wird ein HTML-Dokument angestrebt, das einerseits keine bestimmte visuelle Struktur beinhaltet, also, um im Bild zu bleiben, ohne Setzkästchen daherkommt, allerdings über eine ausgeprägte logische Struktur verfügt. Was inhaltlich zusammengehört ist auch ohne visuelle Strukturierung als zusammengehörig erkennbar.

Die Vorteile dieser Vorgehensweise sind:

Da eine in diesem Sinne valide Webseite von Haus aus barrierearm ist und gewissermaßen die technische Grundlage für Zugänglichkeit bildet, ist Validität im UVA-Prinzip der Accessibility übergeordnet. Da Accessibility zu großen Teilen auf Validität aufsetzt, würde eine andere Reihenfolge wenig Sinn machen.

Validität bietet auch die Gewähr, daß eventuelle Hindernisse in der Zugänglichkeit ohne grundlegenden Neuaufbau der Seite beseitigt werden können.

last and least

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Accessibilty schließlich, als letzter Bestandteil des UVA-Prinzips, ist quasi das Sahnehäubchen einer hochwertigen Webseite. Erstaunlich viele Forderungen der WCAG sind durch die im Sinne des UVA-Prinzips definierten Konzepte Usability und Validität bereits erfüllt, oder doch zumindest auch im Sinne von Usability und Validität interpretierbar:

Welches dieser Gebote im konkreten Fall als für die Usability der Seite sinnvoll erachtet wird, hängt von der Einschätzung im Einzelfall ab.
Skalierbare Schrift, ausreichender Kontrast, konsistente Navigation und ein ebensolcher Präsentationsstil sollten aber in jedem Fall dazugehören.

Spezielle WCAG-Features, wie Sprachwechselauszeichnungen, Sprungmarken etc., können jederzeit nachträglich eingefügt werden, falls sie nicht schon von Anfang an integraler Bestandteil bei der Entwicklung des Webauftritts waren.

last not least

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Das UVA-Prinzip soll weder die Accessibility-Richtlinien aufweichen, noch die kurz vorgestellte Konzepte Usability und Validität grundsätzlich oder überhaupt neu definieren.
Es soll auch kein, wie auch immer geartetes, Dogma begründen.

Es soll lediglich ein Leitfaden im Dschungel aller möglichen Konzepte, Verordnungen und Interessenslagen sein. Gerade der Begriff Barrierefreiheit ist durch die scheinbar beliebigen Zertifizierungspraktiken eines selbst für Eingeweihte kaum überschaubaren Geflechts aller möglichen, vorgeblich interessenvertretenden, Gruppierungen und Projekte in Mißkredit geraten. Zertifizierungen nach dem Motto: "gib mir eine Spende und ich gebe Dir ein Zertifikat" sind eben nicht wirklich hilfreich beim Abbau der tatsächlich immer noch zahlreich vorhandenen Barrieren im Internet.

Das UVA-Prinzip stellt insofern eine Leitlinie dar, was die grundsätzliche Qualität einer Webseite ausmacht. Und Kriterium hierfür kann immer nur die Gebrauchstauglichkeit und die Zugänglichkeit eines Webauftritts für möglichst viele Benutzer sein.

Gerade im Hinblick auf die Widerstände, die sich bei den zur Umsetzung der BITV verpflichteten Kommunen und anderen öffentlichen Trägern angesichts knappster Kassen bilden, kann die Leitlinie für die Entwicklung von Webauftritten nicht nur die pflichtgemäße Umsetzung von Verordnungen sein.

Auch die Eroberung des kommerziellen Raums für zugänglichere Webseiten läßt sich schwerlich allein mit dem Verweis auf werbewirksame Behindertenfreundlichkeit bewerkstelligen.

Ein Projekt mit maximaler Akzeptanz muß immer von der Mehrheit zur Minderheit, von der Wichtigkeit für viele zur Wichtigkeit für wenige hin entwickelt werden und nicht umgekehrt. Eine Art "wag the dog" erscheint außerhalb sozialer Subsistenznischen wenig erfolgversprechend.

Und dabei bedeutet dieser Ansatz des UVA-Prinzips keineswegs einen Interessensgegensatz zum legitimen Wunsch von Surfern mit Handicaps nach mehr Zugänglichkeit. Im Gegenteil: Es kann deutlich gemacht werden, daß von der weitgehenden Umsetzung, wenn auch eventuell mit anderer Gewichtung, der Accessibility-Richtlinien die überwiegende Mehrzahl der Internetnutzer profitiert.

Nutzer mit Handicaps sind insofern nur die ersten, die auf schlecht gemachten Seiten auf Barrieren treffen. Viele andere haben Barrieren nur deshalb nicht wahrgenommen, weil sie garnicht wußten, daß Webseiten auch viel nutzerfreundlicher sein können.

Das Thema Zugänglichkeit/Accessibility muß raus aus dem Nischendenken des Spezialfeatures für Behinderte in den Mainstream von sowas wie Alltagstauglichkeit. Die Entwicklung hin zu zugänglicheren Seiten ist in gewissem Sinne auch einfach eine Form des Erwachsenwerdens. Das Internet entwickelt sich von einem vormals hippen Feature für Jugendliche und Spezialisten zu einer absolut alltagstauglichen Standardanwendung für alle.